Aktualisiert 27. Juli 2026 – Lesezeit 3 Minuten
Der Praxisbericht aus Zürich-Witikon zeigt, mit welchen Methoden auch ohne grosser städteplanerischer Wurf eine Kernzone aktiviert wird – und wie bereits sechs Monate später ersten Belebungen funktionierten.
Ausgangslage
Mehr Menschen, weniger Angebote
Das Quartier Zürich-Witikon liegt an bester Wohnlage im Grünen. Die Bevölkerung wächst deshalb beständig – und gleichzeitig nimmt das Angebot im Quartier seit Jahren ab: Für die rund 11 000 Einwohnerinnen und Einwohner gab es zuletzt kein einziges Restaurant mehr, das abends geöffnet hatte und Vereine oder Berufstätige willkommen hiess.
Die Frage zur Aktivierung lautete deshalb nicht nur: Was fehlt dem Quartier? Sondern auch: Wo gibt es Orte, an denen sich mit überschaubarem Aufwand etwas bewegen lässt? Dafür haben wir bestehende Umfragen und städtebauliche Grundlagen ausgewertet und mit Gesprächen bei Fachpersonen ergänzt.
Aus den Erkenntnissen entstanden Thesen und mögliche Projekte. Das Konzept blieb bewusst offen: Die Bewohnerinnen und Bewohner sollten selbst mitentscheiden, was an diesen Orten entstehen kann.
Sensibilisierung
Kleine Impulse statt grosser Wurf
Die Idee dahinter ist einfach. Kleine Projekte können einen Ort verändern – und sichtbare Veränderung kann wiederum weitere Menschen aktivieren. In Witikon entstanden beispielsweise ein Baumprojekt für mehr Schatten, ein morgendliches Kafifenster oder ein herbstliches Drachenfest. Gemeinsam ist diesen Projekten:
- Sie beginnen im kleinen Rahmen.
- Sie sind an einen konkreten Ort gebunden.
- Sie werden von Menschen aus dem Quartier getragen.
Wir verstehen solche kleinen Interventionen als Ortsimpulse: Sie schaffen Begegnung, machen Veränderung sichtbar und können weitere Aktivitäten auslösen.
Bildlegende: Wer Menschen erreichen will, muss auffallen. Unsere Plakate und Flyer tragen freche Sprüche, sind individuell (digital) gedruckt – für persönliche, unerwartete Ansprachen (Cringe links unten war der Eye-Catcher).
Das Prinzip lässt sich ohne Probleme auf andere kommunale Aufgaben übertragen – etwa auf die Aufwertung öffentlicher Räume, die Klimaanpassung oder ökologische Projekte.
Prozess
Vom ersten Impuls zur Umsetzung
Damit aus Ideen tatsächlich Projekte werden, braucht es mehr als einen Aufruf zur Beteiligung. Es braucht einen klaren Prozess. In Witikon sind wir in fünf Schritten vorgegangen:
1. Ausgangslage verstehen
Fragen sind der direkteste Weg, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Dabei ist die Perspektive wichtig, aus denen diese gestellt werden: Welche Bedürfnisse gibt es? Wie wird das Quartier heute genutzt? Und welche Orte bieten Potenzial? Dafür haben wir eine bereits bestehende Umfrage und städtebauliche Grundlagen ausgewertet und mit den Fachpersonen vor Ort ergänzt.
2. Thesen entwickeln
Aus diesen Erkenntnissen entstanden konkrete Thesen dazu, wo und wie eine Aktivierung funktionieren könnte. Dazu wurden die Resultate strukturiert, das Konzept blieb bewusst offen. Die Thesen dienten als Ausgangspunkt für den weiteren Prozess, ohne dass neue Ideen und Projekte für das Quartier eingeschränkt wurden.
3. Sichtbar und neugierig machen
Wer Menschen erreichen will, muss auffallen! Was für die Werbung gilt, gilt auch für die lokale Beteiligung. Deshalb haben wir nicht nur informiert, sondern mit ungewöhnlichen Botschaften, Plakaten, Flyern und verschiedenen Kanälen die nötige Aufmerksamkeit geschaffen: Am herbstlichen Dorfmarkt wurden so mehr als 40 konkrete Ideen gesammelt und über 80 Bewertungen dazu abgegeben.
4. Themen bewerten und Projekte priorisieren
Rund 90 Themen und Ideen wurden strukturiert und gewichtet. So wurden aus einer beliebig scheinenden Sammlungen deutlich erkennbare Handlungsfelder. Das war aber nur die nötige Vorarbeit. Denn der Kern dieses Prozesses war die Projektwerkstatt, die rund einen Monat nach dem Dorfmarkt stattgefunden hat.
Mehr als 60 Personen folgten dem Aufruf, sich für das Quartier zu engagieren und entwickelten an selbstgewählten Thementischen aus den Ideen konkrete Projekte. Nach den knapp zweieinhalb Stunden standen 5 Themenfelder fest mit 10 priorisierten und konkreten Projekten.
5. Projekte begleiten und umsetzen
Auf die Projektwerkstatt folgten (und folgen) regelmässige Treffen, organisiert als offene Quartier-Stammtische. Dabei hat sich ein Stamm von rund 20 Personen etabliert, die regelmässig über ihre Projekte berichten und gemeinsam daran weiter arbeiten. Dazu gesellen sich immer wieder Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre Idee vorstellen oder nach Unterstützung für ein Projekt fragen.
Beteiligung und Engagement
Was wir daraus gelernt haben
Der wichtigste Erfolgsfaktor war nicht eine einzelne Methode. Entscheidend war die Verbindung von Analyse, konkreten Orten, kreativer Kommunikation, Beteiligung und aktiver Projektbegleitung:
- Denn Ideen gibt es viele.
- Entscheidend ist es, Menschen zu finden.
Denn diese Menschen sind es, die bereit sind, aus den Ideen konkrete Projekte zu machen. Damit dies auch gelingt, brauchen sie einen konkreten Rahmen und einen moderierten Prozess. Gerade für Gemeinden ist diese Erkenntnis zentral, wenn grosse Projekte viel Zeit brauchen, sich verzögern oder gar noch nicht absehbar sind.
Nicht jede Veränderung muss mit einem grossen Plan beginnen. Oft reicht ein konkreter Ort, eine gute Idee und ein Prozess, der Menschen ins Handeln bringt.
Ein zentraler Faktor dabei ist, dass die Arbeitslast auf verschiedene Schultern verteilt ist – oder wird. Hier hat es sich als Vorteil erwiesen, dass wir bei enovation nicht nur die Konzepte erstellen, sondern in der Umsetzung unterstützen oder auch mal morgens um 6 Uhr selber Hand anlegen – und so das nötige Unterstützung schaffen, damit sich die Projekte auch etablieren können.
Unser Angebot
Was könnte an Ihrem Ort entstehen?
Ob Quartierentwicklung, Klimaanpassung, Aufwertung eines öffentlichen Raums oder ein ökologisches Projekt: Wir unterstützen Gemeinden dabei, Potenziale vor Ort zu erkennen, Menschen zu aktivieren und aus Ideen umsetzbare Projekte zu entwickeln.
Sie haben einen Ort, an dem sich etwas verändern soll?
Wie Gemeinden aus vorhandenen Grundlagen konkrete Massnahmen zu Klimaanpassungen entwickeln können, zeigt unser Playbook «Hitzeminderung». Wie Beteiligung dabei wirksam eingesetzt werden kann, zeigen wir in unserer Anleitung für wirksame Beteiligung.
Projektwerkstatt: Beteiligung, die Quartiere verändert
Lesen Sie in diesem Beitrag, wie es mit den Trittsteinen weiter geht.