Aktualisiert 27. Juli 2026 – Lesezeit 3 Minuten
Unser Praxisbericht aus Zürich-Witikon zeigt, wie das Quartierleben auch ohne grossen städteplanerischen Wurf aktiviert wurde und womit das Konzept bereits sechs Monate nach der Projektwerkstatt zu belebten Plätzen und Orten führte.
Ausgangslage: immer mehr Menschen, immer weniger Angebote
Das Quartier Zürich-Witikon liegt an bester Wohnlage: abseits vom Lärm, nahe am Grünen. Die Bevölkerung wächst deshalb beständig seit vielen Jahren – und wird es auch in Zukunft tun. Mit einem Wachstum von 15 Prozent bis ins Jahr 2040 ist es im innerstädtischen Vergleich zwar eher moderat, doch nicht nur die alte Bausubstanz gerät unter Druck.
Denn das Wachstum hat ein strukturelles Problem: Während die Bevölkerung wächst, nimmt parallel dazu das Angebot ebenfalls seit Jahren ab. So gibt es für die rund 11 000 Einwohnerinnen und Einwohner seit 2025 kein einziges Restaurant mehr, das abends geöffnet ist und Vereine oder Berufstätige nach 18 Uhr willkommen heisst.
Ein Umstand, der im «Dorf» auch immer wieder lautstark bemängelt wurde und typisch für zentrumsnahe Dörfer oder Quartiere ist.
Was es für das Quartierleben braucht
Das geschlossene Restaurant oder fehlende Treffpunkte waren bereits gut dokumentiert, als wir im Frühsommer 2025 den Auftrag erhielten, das Quartier ausserhalb der planerischen Stadtentwicklung zu beleben.
Die Frage zur Aktivierung lautete aus unserer Sicht deshalb nicht nur: Was fehlt dem Quartier? Sondern auch: Wo gibt es Orte, an denen sich mit überschaubarem Aufwand etwas bewegen lässt?
Dafür haben wir bestehende Umfragen und städtebauliche Grundlagen ausgewertet, diese durch Gespräche bei Schlüsselpersonen ergänzt – denn solche Projekte starten ja selten auf der grünen Wiese, sondern haben zumeist einen belastbaren Ausgangspunkt.
Netzwerkeffekte: kleine Impulse schlagen grossen Wurf
Aus den Erkenntnissen entstanden Thesen und mögliche Projekte. Das Konzept blieb bewusst offen: Die Bewohnerinnen und Bewohner sollten selbst mitentscheiden, was an diesen Orten entstehen kann.
Die Idee dahinter ist einfach. Bereits kleine Projekte werden einen Ort verändern. Und diese sichtbare Veränderung wiederum kann weitere Menschen aktivieren.
Konkrete Projekte schlagen allgemeine Ideen
In Witikon entstanden so Projekte für neue Treffpunkte, ökologische Aufwertungen oder ein Herbstfest. Und glücklicherweise auch für ein gastronomisches Pop-up. Gemeinsam ist diesen Projekten:
- Sie beginnen im kleinen Rahmen,
- sie sind an konkrete Orte gebunden,
- sie werden aus dem Quartier getragen.
Bildlegende: Wer Menschen erreichen will, muss auffallen. Unsere Plakate und Flyer tragen freche Sprüche, sind individualisiert (digital gedruckt) – und sorgen für eine persönliche, unerwartete Ansprache, die zur Zielgruppe passt.
Interventionen als Impulse
Wir verstehen solche kleinen Interventionen als Ortsimpulse: Sie schaffen Begegnung, machen Veränderung sichtbar und lösen weitere Aktivitäten aus.
Das Prinzip lässt sich ohne Probleme auf andere kommunale Aufgaben übertragen – sei es strategisch, sei es operativ. Dazu gehört die etwa auf die Aufwertung öffentlicher Räume, lokale Massnahmen zur Klimaanpassung oder Projekte zur nachhaltigen Transformation.
Agiler Prozess: Vom ersten Impuls zur Umsetzung
Damit aus Ideen tatsächlich Projekte werden, braucht es mehr als einen Aufruf zur Beteiligung. Es braucht einen klaren Prozess. In Witikon sind wir in fünf Schritten vorgegangen:
1. Ausgangslage verstehen
Fragen sind der direkteste Weg, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Dabei ist die Perspektive wichtig, aus denen diese gestellt werden: Welche Bedürfnisse gibt es? Wie wird das Quartier heute genutzt? Und welche Orte bieten Potenzial?
Dafür haben wir eine bereits bestehende Umfrage und städtebauliche Grundlagen ausgewertet und mit den Fachpersonen vor Ort ergänzt.
2. Thesen entwickeln
Aus diesen Erkenntnissen entstanden konkrete Thesen dazu, wo und wie eine Aktivierung funktionieren könnte. Dazu wurden die Resultate strukturiert, das Konzept blieb bewusst offen.
Die Thesen dienten als Ausgangspunkt für den weiteren Prozess, ohne dass neue Ideen und Projekte für das Quartier eingeschränkt wurden.
Projektwerkstatt: Beteiligung, die Quartiere verändert
Lesen Sie in diesem Beitrag, wie es nach der Projektwerkstatt mit der Aktivierung weiter geht.
3. Sichtbar sein und neugierig machen
Wer Menschen erreichen will, muss auffallen! Was für die Werbung gilt, gilt auch für die lokale Beteiligung. Deshalb haben wir nicht nur informiert, sondern mit ungewöhnlichen Botschaften, Plakaten, Flyern und verschiedenen Kanälen die nötige Aufmerksamkeit geschaffen.
Am herbstlichen Dorfmarkt wurden so beispielsweise mehr als 40 konkrete Ideen gesammelt und über 80 Bewertungen abgegeben.
4. Projekte priorisieren
Rund 90 Themen und Ideen wurden schlussendlich in den weiteren Prozess einbezogen, strukturiert und gewichtet. So wurden aus einer beliebig scheinenden Sammlungen deutlich erkennbare Handlungsfelder.
Diese Verdichtung war aber nur die nötige Vorarbeit. Denn der Kern dieses Prozesses war die Projektwerkstatt, die rund einen Monat nach dem Dorfmarkt stattgefunden hat.
Die Projektwerkstatt als Kernstück: Mehr als 60 Personen folgten dem Aufruf, sich für das Quartier zu engagieren und entwickelten an selbstgewählten Thementischen aus den Ideen konkrete Projekte. Nach den knapp zweieinhalb Stunden standen 5 Themenfelder fest mit 10 priorisierten und konkreten Projekten.
5. Projekte begleiten – auch in der Umsetzung
Auf die Projektwerkstatt folgten (und folgen) regelmässige Treffen, organisiert als offene Quartier-Stammtische. Dabei hat sich ein Stamm von rund 20 Personen etabliert, die regelmässig über ihre Projekte berichten und gemeinsam daran weiter arbeiten. Dazu gesellen sich immer wieder Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre Idee vorstellen oder nach Unterstützung für ein Projekt fragen.
Bildlegende: Endlich wieder ein Restaurant, das am Abend geöffnet hat. Mit einer Pop-up-Idee hat es die Gruppe geschafft, im Herbst verschiedene kulinarische Abende in Zusammenarbeit mit bestehenden Infrastrukturen anzubieten: Bereits der erste Abend war ausgebucht (Foto Quartierverein Witikon).
Projekt: Was wir daraus gelernt haben
Der wichtigste Erfolgsfaktor war nicht eine einzelne Methode. Entscheidend war die Verbindung von Analyse, konkreten Orten, kreativer Kommunikation, aktiver Beteiligung und moderierter Projektbegleitung. Denn:
- Ideen gibt es viele,
- entscheidend ist es, Menschen zu finden.
Denn diese sind es, die bereit sind, aus Ideen konkrete Projekte zu machen.
Damit dieser Prozess jedoch gelingt, brauchen sie zwingend einen konkreten Rahmen und einen moderierten Prozess. Gerade diese Erkenntnis ist für Gemeinden zentral.
Nicht jede Veränderung muss mit einem grossen Plan beginnen. Oft reicht ein konkreter Ort, eine gute Idee und ein Prozess, der Menschen ins Handeln bringt. Das schafft Lösungen gerade an jenen Orten, wo grosse Projekte sich verzögern oder gar noch nicht absehbar sind.
42 Impulse nach (knapp) 12 Monaten
Nach sechs Monaten war das erste Projekt umgesetzt, das Fazit nach knapp 12 Monaten sieht so aus:
- Treffpunkte: An insgesamt acht Wochen hatte das Kafifenster geöffnet und von 7 und 9 Uhr zwischen 60 und 90 Personen pro Woche bedient.
- Tavolata: Zwei Mal haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner getroffen, einmal am Abend unter der Woche, einmal am Wochenende – mit mehr als 50 Personen.
- Drachenfest: Mehr als 40 Kinder haben am Fest ihren Drachen gebaut, im Vorfeld hatten an drei Upcycling-Veranstaltungen bereits rund 20 Kinder mitgemacht.
- Ökologie: Ein Projekt umgesetzt, drei haben sich auf das neue Jahr verschoben – darunter auch das Trittstein-Konzept für das Quartier.
- Gastro-Pop-up: Die Gruppe hat ein Konzept entwickelt, Standorte gesucht und Angebote aus dem Quartier gesucht. An drei Abenden finden nun kulinarische Abende statt.
- Website: Mehr als 30 000 Personen haben die Projektwebsite «Wir bewegen Witikon» besucht.
Gezielte Unterstützung vor Ort
Ein zentraler Faktor dabei ist, dass die Arbeitslast auf verschiedene Schultern verteilt ist – oder wird. Hier hat es sich als Vorteil erwiesen, dass wir als enovation eine neutrale Rolle einnehmen und so die verschiedenen Akteure an einen Tisch bringen.
Dabei begleiten wir aber nicht einfach den Prozess, sondern vermitteln auch zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen und sorgen so für Lösungen («Facilitator-Ansatz»). Und wenn es einmal nötig ist, legen wir auch um morgens um 6 Uhr mal selber Hand anlegen und schaffen so die nötige Unterstützung am Anfang, damit sich die Projekte auch etablieren können.
Unser Angebot
Was könnte an Ihrem Ort entstehen?
Ob Quartierentwicklung, Klimaanpassung oder Aufwertung, wir:
- konzipieren,
- aktivieren,
- unterstützen
- und setzen um.
Wir unterstützen Gemeinden dabei, Potenziale im öffentlichen Raum zu erkennen, Menschen vor Ort zu aktivieren und aus Ideen umsetzbare Projekte zu entwickeln.
Sie haben einen Ort, an dem sich etwas verändern soll?
Ausblick für konkrete Beteiligung
Wie Gemeinden aus vorhandenen Grundlagen konkrete Massnahmen zu Klimaanpassungen entwickeln können, zeigt unser Playbook «Hitzeminderung». Wie Beteiligung dabei wirksam eingesetzt werden kann, zeigen wir in unserer Anleitung für wirksame Beteiligung.